Car Sharing in Bremen, was bringt uns das?

by | May 25 2018

{:de}

Es reicht! Immer mehr Autos auf den Straßen, immer weniger Platz für die StadtbewohnerInnen. Ein Ausweg aus der Misere kann da die Nutzung von CarSharing sein. Wenn sich mehrere Personen ein Auto teilen, werden weniger Autos gebraucht und parken weniger Autos ungenutzt den öffentlichen Straßenraum voll.

Im Land Bremen nutzen fast 15.000 Menschen Cambio, ein stationsgebundenes CarSharing-Angebot, das vor rund 30 Jahren mit dem privaten Verein „Stadtauto“ begann.

 

Cambio Auto vor 16 Jahren (2002)

Derzeit (Mai 2018) betreibt cambio Bremen 331 CarSharing-Fahrzeuge für 14.800 KundInnen an 91 Stationen in Bremen und Bremerhaven.

Wir haben uns mit Jutta Kirsch von cambio Bremen darüber unterhalten, mit welchen Herausforderungen ein CarSharing-Anbieter so zu kämpfen hat. Am meisten interessierte uns natürlich, warum CarSharing gut für uns und unsere Stadt ist.

Wie hoch ist der Anteil öffentlicher Stellplätze im Verhältnis zu privaten Stellplätzen für Cambio?

Momentan liegen 30% der cambio-Stationen auf öffentlichem Grund. Auch die Anzahl der Stellplätze liegt bei 30% im öffentlichen Raum. Das heißt, dass ein mobil.punkt im Durchschnitt genauso groß ist wie eine cambio-Station auf privatem Grund. Von 10 Autos parken also 7 auf privat angemieteten Plätzen.

So funktioniert CarSharing

Warum gibt es überhaupt Stellplätze im öffentlichen Raum?

Das ist eine ganz wichtige Möglichkeit, CarSharing ganz grundsätzlich voranzubringen. Denn gerade in den Quartieren, in denen CarSharing gut etabliert ist und noch große Entwicklungschancen hat, gibt es extrem wenig private Flächen, die wir anmieten können. Da beißt sich die Katze in den Schwanz, denn das sind die Viertel, die am meisten unter dem Parkdruck leiden und deshalb CarSharing am Nötigsten haben.

Außerdem sind die Autos auf öffentlichen Flächen, vor allem am Straßenrand gut sichtbar und leicht zugänglich. Das erhöht die Wahrnehmung und weckt Neugier bei denen, die es noch nicht nutzen und ist bequem für die, die schon dabei sind. In irgendwelchen Hinterhofgaragen oder Parkhäusern sind die Autos einfach schwer erreichbar.


Mobilpunkt im hoch verdichteten Bremer Steintor, zwei Cambio-Autos können hier 40 Privatwagen ersetzen.

Welche Auswirkungen hat CarSharing eigentlich auf den ruhenden Verkehr. Gibt es da Zahlen?

In einer Kundenbefragung vom letzten Sommer kam heraus, dass jedes bremische cambio-Auto 13 Private ersetzt, weil diese entweder abgeschafft oder gar nicht erst angeschafft wurden. Damit haben wir in Bremen schon über 4000 private Pkw durch 310 Geteilte ersetzt. Von Stadtteil zu Stadtteil variieren diese Ergebnisse, das hat 2016 eine Studie von infas ergeben, die in verschiedenen Städten vor allem die Quartiere untersuchte, in denen es schon lange ein gut ausgebautes CarSharing-Netz gibt. Hier lag die Quote bei bis zu 20 ersetzten Privat-Pkw pro CarSharing-Auto. Das zeigt, wieviel Luft wir in anderen Stadtteilen noch nach oben haben!

In den Außenbezirken sieht es ja leider noch etwas mau mit Stationen aus. Nach welchen Kriterien geht der Ausbau des Stationsnetzes vonstatten?

Wir verfolgen eine Strategie, bei der wir 1.) bestehende Stationen durch Hinzumieten von weiteren Stellplätzen vergrößern, 2.) das Stationsnetz in gut etablierten Quartieren durch neue Stationen verdichten und 3.) neue Stadtteile, die weiter außerhalb liegen, erschließen. Die Mischung ist wichtig, denn neue Stationen in Außenbezirken brauchen recht lange, um sich wirtschaftlich zu tragen. Bis es soweit ist, werden sie von den profitablen Stationen in Zentrumsnähe mitfinanziert. Da muss die Balance natürlich stimmen. In den letzten Jahren haben wir in der Vahr, in Woltmershausen und in Kattenturm neu begonnen und die Lücke zwischen Horn und Borgfeld geschlossen. Zurzeit sind wir auf der Suche in Bremerhaven, Bremen-Nord, Huchting und der Überseestadt. Wir hoffen, dass das alles noch in diesem Jahr klappt, aber sicher sind wir da nicht.

https://www.youtube.com/watch?v=Zx9oh5YTSGw

Neue Station im Außenbezirk Kattenturm

Wie erklären Sie sich, dass es immer noch Leute gibt, die unbedingt ihr eigenes Auto haben wollen, obwohl sie es höchstens ein- oder zweimal die Woche nutzen? Diese Autos stehen doch nur herum?

Wenn Geld keine Rolle spielt, man in der eigenen Straße noch ganz gut einen Parkplatz findet und ein Auto hat, das technisch keinen Ärger macht, ist es ja immer noch sehr bequem und flexibel, jederzeit einsteigen zu können. Dann hat man seine Lieblings-CD schon eingelegt und im Kofferraum die Picknick-Decke – oder was man sonst so gerne unterwegs nutzt.

Bei vielen, vor allem jungen Leuten ändert sich diese Gewohnheit aber. Einige kennen CarSharing schon seit der Kindheit, weil die Eltern sich zu diesem Schritt entschieden haben. Für sie spielt ein eigenes Auto keine zentrale Rolle mehr.


Der Schlüssel zum Auto: Eine Chipkarte

Was würde es Leuten erleichtern, ihr Auto zu verkaufen? Welche Vorteile habe ich, wenn ich zum CarSharing wechsele, gegenüber dem Besitz eines privaten Autos?

Wenn Sie ohne eigenes Auto leben, sparen Sie eine Menge Geld und Zeit. Sie müssen nicht zum TÜV, in die Waschanlage, die Winterreifen wechseln, Versicherung zahlen und den Wagen zur Inspektion bringen. Dafür haben Sie einen garantierten Parkplatz, der immer frei ist, wenn Sie zurückkommen. Bei vielen Kunden, die in unserem Büro einen cambio-Vertrag abschließen, hört man den Stein fallen, der ihnen vom Herzen fällt, weil sie diesen Ballast abgeworfen haben.

Wichtig ist es natürlich, ein zuverlässiges CarSharing-Angebot mit schnell erreichbaren Stationen zu haben.  Ein gutes ÖPNV-Angebot und idealerweise auch die Möglichkeit, viele Ziele mit dem Rad erreichen zu können, hilft auch sehr. Das alles spielt in Bremen gut zusammen.

Warum bietet Cambio neben dem stationsgebundenen CarSharing nicht auch das so genannte Free Floating an?

Das hat viel mit Logistik zu tun, natürlich auch mit Kosten und damit, dass wir vor allem eine gute Alternative zum eigenen Auto anbieten möchten. Um ein funktionierendes Free Floating zu etablieren, braucht es eine hohe Dichte an Autos. Denn als Nutzer will man nicht nur ab und zu einen Zufallstreffer landen, sondern mit einer akzeptablen Verlässlichkeit ein Auto genau dort vorfinden, wo man es braucht, und zwar genau zu dem Zeitpunkt, an dem man es braucht.


Station im Außenbezirk Woltmershausen

Um diese Dichte zu erreichen, beschränken sich die Free Floating-Anbieter einerseits auf ein einziges Fahrzeugmodell, andererseits muss dieses immer in einem eng definierten Geschäftsgebiet zurückgegeben werden. Und während der ganzen Nutzung läuft die Kostenuhr im Minutentakt – wie beim Taxi. Transporte, Urlaubsfahrten, Familien, die einen Kindersitz benötigen oder der entspannte Besuch bei Freunden auf dem Land fallen da per se raus. Das stationsgebundene CarSharing ist aus unserer Sicht einfach verlässlicher, vielfältiger und die bessere Alternative zum privat-Pkw.

__________________________________________________________________________

Cambio hat für uns die Vergleichsrechnung gemacht: „Wenn Sie mit einem cambio-Auto der Preisklasse S (also einem Ford Fiesta) unterwegs sind, zahlen Sie für eine Stunde und 10 Kilometer im Basis-Tarif (ohne monatliche Grundgebühr) 5,40€. Ein car2go-Auto kostet für denselben Zeitraum 15,60€. Bei Minutenpreisen von 0,26€ ist es natürlich ärgerlich, wenn man dann zum dritten Mal um den Block fahren muss, weil kein Parkplatz zur Rückgabe frei ist.“

__________________________________________________________________________


Cambio E-Car-Sharing in der Birkenstraße in Bremen.

 Wann stellen Sie ihre Flotte insgesamt auf elektrisch betriebene Fahrzeuge um?

Sobald sich jemand findet, der die Mehrkosten trägt! Unser Preissystem gibt das nicht her, und die Kunden sind nicht bereit, für ein E-Auto mehr zu zahlen als für ein Konventionelles. Weil wir gesund wirtschaften wollen, bieten wir E-Autos deshalb nur in Kooperation mit Partnern an, die die Ladeinfrastruktur stellen. Das ist uns in Bremen bislang mit der swb an vier Stationen gelungen. Hier kann jeder Kunde ganz niedrigschwellig den E-Zoe von Renault kennen- und lieben lernen. Die Rückmeldungen sind sehr positiv.

___________________________________________________________________________

Wer weiter lesen möchte: Inzwischen gibt es ein Gutachten zum CarSharing in Bremen

Und ich habe über meine eigenen Erfahrungen mit Cambio geschrieben.{:}{:en}

We’ve had enough! More and more cars fill our streets, less and less space for everyone else. So what could a CarSharing (Car Club) system do for us? If several people share one car we need less of them, and fewer parking spaces are needed.

In Bremen nearly 15,000 people use Cambio. Founded 30 years ago as a community association called „Stadtauto“.


Cambio Car 16 years ago (2002)

Right now (May 2018) Cambio offers 331 cars of different sizes, based at 91 stations around the city for 14,800 users in Bremen und Bremerhaven.

We interviewed Jutta Kirsch from Cambio Bremen about their work, and the challenges they face. Of course we wanted to know how cities can benefit from people sharing cars. 

You use both private land and public road space for your stations?

Right now 30% of our stations and also 30% of our parking lots are on public ground. A “mobil-punkt” is on average as big as a cambio-station on private areas. 7 out of 10 cars are parked on private properties.

How it works: Car Sharing in Bremen

Why do you need parking on public roads?

This is really important, if you want to develop CarSharing further. Especially in those areas, where Cambio is well established and could expand further, private spaces to rent are extremely rare. That is a sort of a double bind: These are the quarters, that suffer most from saturated car parking, and really need CarSharing more than others.

And cars (for sharing) parked publicly, especially at the side of a road, can be found much easier. So people are more aware of it, they get curious, if they are not yet a user, and it makes it much easier for actual users. It is very difficult to get to our cars in some backyards or a multi-storey carpark.

What sort of impact does CarSharing have on the parking situation? Any figures?

In an opinion poll amongst our clients last summer we found out that every Bremer Cambio car replaces 13 private cars, because they were either sold or never bought. So in Bremen we replaced 4,000 private cars by 310 shared vehicles. That varies from area to area.


A station with two cars in highly populated Bremen-Steintor. These two cars can replace 40 private cars.

A study done by Infas in 2016 did some research in urban quarters, where a well developed CarSharing system has been in place for a long time. Here one CarSharing car replaced 20 cars. So, there are a lot of opportunities still to be exploited in other areas of the city!

There are not very many stations in suburban areas. How do you develop your network generally?

First of all we extend existing stations by renting more parking spaces to add to them. Second we open more stations in well developed urban areas. Third we then extend our system to suburban quarters.

We need a mixture here, because new stations in suburban quarters need a long time to be cost-efficient. Until then they are partly financed by profitable stations in the centre. The balance has to be right.

https://www.youtube.com/watch?v=Zx9oh5YTSGw

A new station on the outskirts in Bremen-Kattenturm

In the last year we extended to the Vahr, Woltmershausen and Kattenturm. And we closed the gap between Horn and Borgfeld. Right now we are looking for spaces in Bremerhaven, Bremen-Nord, Huchting and Überseestadt. We hope to get there during this year, but we are not sure.


A small station in the Bremen suburb Woltmershausen

Why are there still so many people who insist on their own private car, though they hardly use it more than once or twice a week? These cars are just idly sitting around.

 When money is not important, when you always get a nice space for parking in your street, when you have a car, that hardly ever needs repairs – then it is very easy and flexible to use it any time. You got your favourite music running, your picnic blanket is in your boot or whatever you would like to use whilst you are travelling.


Chipcard to enter your shared car

Though with young people things are changing. Some of them have known CarSharing all their lives, as their parents decided to use it. For them their own private car is not so crucial. 

What would make it easier for people to sell their car? What are the advantages for me if I go CarSharing compared to my own car?

 Well, without your private car you save a lot of money and time. No MOT, no car washing, no changing of winter wheels, no payment for insurance, no regular inspection of your car. Instead of all that you have a guaranteed parking space, that is always unoccupied when you come back. With many people signing their contract with us, you can see it taking the weight off their mind, when they get rid of all these things.

 Of course it is important to have a reliable supply with stations that are easily accessible. It also helps to have good public transport and the possibility to cycle wherever you want to. We are lucky in Bremen when it comes to that.

Why does Cambio stick to the system of cars available only at stations, why not offer free-floating too?

That has a lot to do with logistics, with cost and that we want to offer a real alternative to your own private car. If you want to offer a fully functioning system of free-floaters you need a lot of cars. Because as a user you don’t want to get a car by chance. You want to rely on finding a car where you need it and when you need it. To achieve this density of cars, free-floating companies tend to only offer one model, and they insist that the car has to be given back in a tightly defined, small area. And whilst you are using this car, the money-clock is ticking all the time – like a taxi. Transporting large loads, holidays, families needing a child seat or a relaxed visit to your friends out in the country are not possible. Our system is much more reliable, diverse and the better alternative to your own private car.

___________________________________________________________________________ 

Cambio gave us a calculation to compare the cost of these two systems: “If you take the smallest Cambio car, price S (like a Ford Fiesta), you pay for one hour and 10 km in the basic tariff (without your monthly fee) € 5.40. For a car2go car you pay € 15,60 for the same time. If you have minute prices of € 0.26 it can get very frustrating when you have to circle round the block for the third time, because you cannot find a parking space to give your car back.”

 ___________________________________________________________________________

When are you going to convert your fleet to electric cars? 

As soon as people are ready to pay the extra cost. Our price system doesn’t help here, and our clients are not ready to pay more for an electric car than for a conventional vehicle. We want to run our business properly and that is why we offer electric cars only in cooperation with partners who offer the charging infrastructure.


Cambio E-Car-Sharing, Birkenstraße in Bremen.

With our local energy provider swb we are able to offer electric cars at four stations. Here our users can easily get to know and love Renault’s E-Zoe. The feedback is very positive.

___________________________________________________________________________

A recent study (in German) will tell you more about CarSharing in Bremen.

And here is my own personal experience with sharing cars for more than 20 years (in German sorry folks).

 

 

{:}

1 Comment

  1. Meister

    Carsharing ist keine echte Lösung. Das Teilen von Autos ist keine Revolution, sondern spart bestenfalls Parkraum.

    Reply

Trackbacks/Pingbacks

  1. Habemus “Protected Bike Lanes”: Ein Friedensangebot?! | BREMENIZE - […] eben diesem Grunde läuft in Bremen eine Kampagne für eine faire Parkraumbewirtschaftung und gute Alternativen zum eigenen Auto. Und…

Submit a Comment

Your email address will not be published. Required fields are marked *

ALLE THEMEN

UNSERE VIDEOS